Sonntag, 12. März 2017

Normal

"Du solltest viel mehr Zeit mit normalen Leuten verbringen..." sprach Bonnie gestern am Steuer ihres Smarts während draußen die vernebelte, äußerst rurale Kulisse des fiesen Teils Mecklenburg-Vorpommerns schleppend vorbeizog.

"Mit wem denn ?"

"Zum Beispiel mit Lotte und mir !"

"Wo ist Lotte heute eigentlich ?"

"Die hat einen Ukulele-Workshop in Kiel."

"Und was liegt bei Dir heute Abend so an ?"

"Ich bin um 7 bei Burger King zum Schuhe anprobieren verabredet."

"Warum halten wir hier im Gewerbegebiet ?"

"Hier ist der Pfefferminzschnaps 80 Cent günstiger als bei uns."

"Und wo wollen wir eigentlich hin ?"

"Ich kenne einen total abgelegenen Strandabschnitt, da können wir spazieren gehen."

"Es sind 3 Grad draußen, im Wind vielleicht noch kälter !"

"Ja... aber STRAND !!!"

"Normale" Leute 
Ja, wenn man sich abgewöhnt Fragen zu stellen, ist Bonnie die netteste, liebste, normalste Freundin der Welt, hab so einen Ausflug aus dem Chaos dringend gebraucht.
Bei solch landschaftlicher Reizarmut kann man sich gleich viel besser unterhalten... oder wahlweise mangels Handyempfang in die Unfallopferstatistik einreihen.
Um es besser zu umschreiben - das Schild "Unbewachter Badestrand" wies dichten Moosbewuchs auf und an die paar Leute, die sich unverständlicherweise dort irgendwann ansiedelten (vermutlich bei irgendeiner Völkerwanderung unterwegs keinen Bock mehr und anspruchslos) leben heute von so ausgefallenen Berufen wie "Winterlager für Wohnmobile in der Scheune" oder Bierausschank an Nazis.

Apropos Nazis... kein Wunder, dass die sich da so heimisch fühlen, denn es gibt sie noch, die Orte, die kein Alliierter auf einer Karte finden würde. Müssten sie aber auch gar nicht, es sieht alles noch aus wie frisch zerbombt.

Sooo, ich werde heute 41 Jahre alt und wenn meine Tochter nicht gestern 16 geworden wäre, könnte ich in Herrenfreizeithose im Bett bleiben, Kaffee trinken und Musik hören. So werde ich aber heute Mittag von meiner Mutter und meiner zugegeben geliebten Brut zum Essen eingeladen und heute Abend machen wir das selbe Spiel noch mal mit meinem Vater drei Restaurants weiter in der selben Straße.



Was mir dabei am schwersten fällt ist harmloser Smalltalk.

Warte mal ab, am Ende bin ICH nicht normal.





Freitag, 10. März 2017

Geht das nur mir so ?

Der Volksmund und das Phrasenlexikon sind sich einig : Man weiß immer erst was man hatte, wenn man es verloren hat.

Keine Angst, es geht nicht um Liebeskummer - das ist im Verlauf der Jahre zu einem tinitusartigen Hintergrundpiepen verkümmert, es ist immer da, wird immer da sein und nervt am meisten kurz vorm Einschlafen, - nein, es geht vielmehr um meine Ruhe.

Mir war bis vor ein paar Monaten gar nicht bewusst, dass sich unter meiner Wohnung noch eine weitere befindet. Ja, das waren schöne, unbeschwerte Jahre, bis dort im November scheinbar eine 20-köpfige friesische Holzschuh-Volkstanzmannschaft einzog. Zumindest werktags. Am Wochenende trifft sich die Selbsthilfegruppe der Wacken-Stagediver zu ihrem Moshpitzirkel.

Beides geht überaus ambitioniert vonstatten.

Bisher hat mich der Schlafentzug noch nicht suizidal genug geschliffen um dort zu klingeln.

Nicht mal auf die sonst so zuverlässigen Rentner hier im Haus ist noch Verlass... die haben doch sonst immer alles so schön im Griff gehabt und etwaige Zuwiderhandlungen gegen die Hausordnung minutiös protokolliert am schwarzen Brett neben den Briefkästen angeprangert.

Ich erinnere mich immer noch gerne an :

"Derjenige, der am XX.XX. um 14:27, 14:45 und 14:55 die Bohrmaschine benutzt hat, wird noch einmal dringend auf die Einhaltung....."

Jahahaha, das waren güldene Zeiten.

Und heute ? Heute sitze ich im Bus neben einem Jugendlichen mit zu lautem Kopfhörer und der Nothammer glitzert ganz verführerisch.


Es muss ja nicht immer gleich die Axt oder der Prophet sein... manchmal sind schon ein Eierlöffel ,ein weiteres Wochenende über dem High-End-Subwoofer und eine misanthropische Grundeinstellung genug, damit für den Polizeibericht keine Textbausteine mehr reichen.

Will aber ehrlich sein... viel schlimmer als die permanente Musik- und Partybeschallung ist das Staubsaugen am nächsten Vormittag (Späne vom Parkett ?), denn das vermittelt obendrein ein schlechtes Gewissen wenn ich mich hier so umschaue.



Dienstag, 7. März 2017

Es ist vollbracht

Der Lesbenflüsterer hat sein Ziel erreicht... es soll zerknüllte Laken,beschlagene Scheiben, lärmgenervte Mitbewohner und einen Aschenbecher auf dem Nachttisch gegeben haben. Mehr Details wollten sie mir heute nicht geben, aber damit kann ich schon arbeiten.

Wie habe ich es also nach monatelangem Coaching, beknieen, analysieren und Dialog-Rollenspielen geschafft, dass die beiden Knaller endlich mal konkret was wegstecken ?

Nun, ich habe mich an eine uralte Methode aus meiner Adoleszenz erinnert und die beiden unter fadenscheinigem Vorwand zu einem Skip-Bo Spiel bei einem Freund eingeladen (Skip-Bo ist die Königsdiziplin aller Psychiatrien der Welt) und da konnten sie kaum nein sagen.



Zum Rezept :

Man nehme 1 Flasche billigsten Bourbon, 2 Flaschen Spumante und einen sensationell anhänglichen jungen Hund, den man immer wieder auf Ihre Couch verfrachtet.

BÄM.




Stelle aber fest, dass ich streckenweise doch selektiv homophob veranlagt bin,... der Douglas-Mitarbeiter, der mir kürzlich den Namen des Parfüms meiner Tochter von hinten über die Schulter säuselte, hätte fast seine Zahnersatzzusatzversicherung in Anspruch nehmen müssen.

War nur ein Reflex.

Apropos meine Tochter...muss jetzt mit ihr zum HNO-Arzt, die hat wohl nen Hörsturz :(


Mittwoch, 1. März 2017

Alternativen zu Alternativen

Wie viel Toleranz muss man einer Institution entgegenbringen, deren Kernkompetenz Intoleranz ist ?

Meines Erachtens gar keine.

Die Af D Schleswig-Holstein (gibt es wohl wirklich, ist mir auch unangenehm) wird also voraussichtlich Morgen Abend hier in Lübeck Ihren Wahlkampf starten, nachdem Kiel aufgrund von "Sicherheitsbedenken" absagen musste.

Wie man dann ausgerechnet auf Lübeck kam, muss mir mal jemand ganz in Ruhe erklären.

Warum denn nicht irgendein Kaff in der Holsteinischen Schweiz ? Da können sie sich fleißig auf den Feldern tummeln, zwischendurch mal schauen wie weit der Spargel ist und sich abends vom Betreuer zurück ins Heim fahren lassen. Dann hat man sich mal gegenseitig auf die urdeutschen Schultern geklopft, alle waren mal an der frischen Luft und der eine Dorfpolizist, den sie pro forma abstellen mussten kann dann auch noch mal mitmachen wenn keiner hinschaut.

Dann sind alle glücklich und solange die Presse nicht berichtet, stört es auch keinen.

Mal so als Vorschlag. Ist nicht böse gemeint.

Aber Nein... es muss ja anders kommen. Die von mir nur-so-mittel geschätzte Frau ¿qué? Petry wird also vor ihrer Zielgruppe der verängstigten Nach-unten-Treter sprechen wollen.

Vor der Tür :

AHL - Antifa Herzogtum Lauenburg, Antifaschistische Koordination Lübeck, Attac Regionalgruppe Lübeck, Bollwerk, Bündnis "Solidarisch gegen den Hass", Café Welcome, Faivereinen, Humanistische Union Lübeck, Interventionistische Linke (IL) ,Jusos Lübeck, LaRage, Die LINKE, Lübecker CSD e.V., Lübecker Flüchtlingsforum e.V., Die organisierte Frechheit (OF), SPD Kreisverband Lübeck, Umweltgewerkschaft - Ortsgruppe Lübeck, VVN-BdA Lübeck/Lauenburg, Women´s March Lübeck

...und ein paar Hundert tatsächlich besorgte Bürger wie ich, die dem braunen Treiben wenig bis gar nichts abgewinnen können.

Wobei "braun" natürlich ungenau ist, die AfD ist in meinen Augen das politische Überraschungs-Ei :

Außen braun, innen gelb und die Figuren da drin sind albern.

Ich hoffe von ganzem Herzen, dass es tatsächlich so bunt, friedlich und kreativ bleibt wie auf Facebook angekündigt. Aber dafür sind wir hier eigentlich bekannt. Nicht so wie in Kiel.





Dienstag, 28. Februar 2017

Allein mir fehlt der Glaube

Muss zu dem Post von gestern vielleicht was anfügen, falls einer denkt "Gott, was ist das für ein Monster, das am Sarg mit Angehörigen diskutiert."

Es war vielmehr eine Lagebesprechung als eine Diskussion und es ging um die Kids und unseren gemeinsamen Umgang zu eventuellen Fragen über den Tod. Schließlich sind wir beide keine Christen und ein "Opa ist jetzt im Himmel und schaut uns zu" würde bei beiden Kids vermutlich eher ebenfalls naturwissenschaftlich in Frage gestellt, als das es den vermeintlichen Trost vermittelt.

Wir hatten natürlich die Zahnfee, Osterhasen und sogar ein Jahr einen Weihnachtsmann angemietet, (dessen FC St.Pauli-Totenkopfshirt heiter durch den dünnen roten Filzstoff schimmerte).
Ja, all das haben wir heil hinter uns gebracht, warum also jetzt mit Jesus oder ähnlichem Humbug anfangen ?

Habe in dem Zusammenhang einen interessanten Vortrag von Sam Harris gehört, der einen Fall einer Frau schilderte, die etwas Furchtbares durchleben musste - Ihr noch minderjähriges Kind starb an Leukämie, sie ist aber US-amerikanische Hardcore-Christin und dermaßen in Ihrer Parallelwelt verankert, dass sie sich selber glaubhaft machen konnte, das Kind sei jetzt in einer besseren Welt und man sei eines Tages wieder mit ihr vereint.

Ich empfinde nur diesen Aspekt des Glaubens eher beneidens- als bemitleidenswert, auch wenn es bei Sam Harris eher darum ging, dass diese Frau alle natürlichen Phasen der Trauer verweigerte und in lupenreine Schizophrenie abdriftete.
Wobei das im bible-belt wohl nur ein Katzensprung ist.

Bevor ich hier jetzt theistische Grundsatzdiskussionen auslöse, möchte ich etwas loswerden, worauf wir uns hoffentlich alle einigen können : Man braucht keine wieauchimmer geartete Fibel, die einem die Goldene Regel befiehlt. Die hat man als Gattung Homo schon evolutionär mit auf den Weg bekommen und die verstehen auch schon Kleinkinder.

Die hilft nur nicht bei Trauer, aber dafür sind wir ja da.